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Feedbackkultur im Unterricht: Miteinander besser werden

Feedback in der Schule? Das bedeutet häufig eine kurze Rückmeldung der Lehrer*innen an die Schüler*innen zu deren Mitarbeit. Dabei bietet eine etablierte Feedbackkultur im Unterricht breite Möglichkeiten, demokratisches Handeln zu üben und die Unterrichtsqualität zu verbessern, und muss keineswegs nur einseitig ausfallen.

Was ist Feedback eigentlich? Im einfachsten Sinne der Definition bedeutet es die Rückantwort des Empfängers einer Nachricht an den Sender. Aus dieser Rückmeldung kann der Sender wiederum erfahren, wie seine Nachricht beim Empfänger ankam. So kann regelmäßiges Feedback im Unterricht ein Gewinn für alle Beteiligten sein. Um es in der Schule nachhaltig einzusetzen, müssen zunächst aber die oft vorherrschenden Bedenken ausgeräumt werden. Die Angst vor möglicher Kritik oder dem Verlust wertvoller Unterrichtszeit steht vielen Lehrpersonen im Weg. Dabei werden die Vorteile, die sich mittelund langfristig einstellen, oft übersehen.

Die Lehrperson steht nicht im Mittelpunkt

Wenn wir Feedback hören, denken wir oft nur an die einseitige Rückmeldung von Lehrer*innen an Schüler*innen. Für John Hattie, Professor an der Universität Melbourne, geht Feedback in der Schule aber deutlich darüber hinaus.1 In seinen Megastudien unterscheidet er, ergänzend zu dieser ersten Variante, zwischen Selbstund Partnerfeedback und Feedback von Schüler*innen an Lehrer*innen. Seine Kernbotschaft lautet, das Lernen ins Zentrum zu rücken anstatt sich selbst. Nicht das Verhalten einzelner Schüler*innen oder der Lehrperson sollte daher im Mittelpunkt von Feedback stehen, sondern die Auswertung des gemeinsam verantworteten Unterrichts. Die gemeinsame Reflexion beispielsweise von Lernprozessen, erlebten Methoden und Zusammenarbeit in Gruppen- oder Partnerarbeit kann nicht nur dabei helfen, Unterricht langfristig zu verbessern. Sie fördert das Selbst- und Rollenverständnis, erhöht das Verantwortungsbewusstsein der Schüler*innen und entlastet die Lehrperson. Sie erschließt für Lehrende und Schüler*innen zugleich gewinnbringende Perspektiven auf Unterricht, die von ihnen andernfalls nicht wahrgenommen werden können.

Die Methode „Fadenkreuz“ im Einsatz: Die Teilnehmenden geben mit Punkten ihre Einschätzung in vier Kategorien wieder.
Wichtiger Schritt zur Demokratiebildung

Einen besonderen Beitrag leistet regelmäßiges Feedback auch zur Demokratiebildung im Klassenzimmer. Durch Feedback entwickeln die Schüler*innen ein Verständnis für die Bedeutung der freien Meinungsäußerung. Feedback gibt jedem eine Stimme. Damit können auch diejenigen partizipieren, die sich sonst eher zurückhalten. Dass nicht immer alle einer Meinung sind, aber jede Meinung gleich viel wert ist, ist eine ebenso wichtige Erfahrung. Bleibt Feedback nicht nur ein einmaliges Ereignis, sondern wird kontinuierlich eingesetzt, trägt es zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Es gibt Raum für Wertschätzung und steigert die Motivation und gegenseitige Rücksichtnahme der Schüler*innen. Die Einbeziehung der Schüler*innen führt zu einer verbesserten Selbsteinschätzung, fördert Perspektivwechsel und einen konstruktiven Umgang mit Kritik2 .

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Die Möglichkeiten, Feedback im Unterricht einzusetzen, sind vielfältig und reichen von visuellen Rückmeldungen, die nur wenige Sekunden dauern, bis hin zu umfänglichen Auswertungen von Unterrichtseinheiten oder Fächern, die als verbindliche Umfragen am Ende eines Trimesters ggf. auch klassenübergreifend in der Schule implementiert sind. Feedback kann hierbei visuell, mündlich oder schriftlich gegeben werden und sich auf spezifische, situative Fragestellungen – wie das Textverständnis nach einer Lektüre in Einzelarbeit – oder umfassende Evaluationen von Unterrichtsinhalten, -methoden und -gestaltung erstrecken. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, Schüler*innen in die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der jeweiligen Feedbackmethode einzubeziehen, indem einzelne Schüler*innen beispielsweise einen Fragebogen zum Unterricht oder dem Lernklima in der Klasse eigenständig mit Hilfe der Lehrperson entwickeln, ihre Mitschüler*innen befragen und die Ergebnisse im Klassenverband vorstellen. Dies entlastet die Lehrperson, führt in der Formulierung der Fragestellungen in der Regel zu unerwarteten Erkenntnissen und fördert die Fähigkeiten der Lernenden im wissenschaftspropädeutischen Arbeiten, wenn beispielsweise über die Eindeutigkeit und Zielsetzung einer Frage diskutiert wird. Wichtig ist es einerseits, die unterschiedlichen Methoden zu üben und zu reflektieren. Andererseits sollten sie regelmäßig und verlässlich Anwendung finden, um ihre Wirkungen voll zu entfalten und den Schüler*innen das Gefühl zu geben, dass ihre Meinung nicht nur erwünscht und hilfreich für den gemeinsamen Unterricht ist, sondern auch ernst genommen wird.


Regeln zum Feedbach-Geben2

· Eine positive Gesprächsatmosphäre schaffen, Wertschätzung zeigen

· Möglichst zeitnah am Ereignis

· Bezug nehmen auf konkrete Situation, nicht verallgemeinern

· Das Verhalten der Gesprächspartner* in beschreiben, nicht bewerten

· Erst Positives aufgreifen, Mängel anschließend benennen

· Statt Vorwürfe Wünsche äußern

 

Regeln zum Feedback-Annehmen

· Aufmerksam zuhören

· Sich nicht gleich rechtfertigen wollen

· Über die Rückmeldung nachdenken

· Danken für das Lernangebot, ggf. Verständnisfragen stellen

· (Später) reagieren

 

Methodenauswahl

Manno-Meter
Die Schüler*innen signalisieren über den Abstand ihrer beiden Handflächen zueinander, wie schwierig eine aktuell bearbeitete Aufgabe für sie gewesen ist: kleiner Abstand: die Aufgabe war einfach, weiter Abstand: die Aufgabe ist mir schwergefallen.

Ampel
Die Schüler*innen haben grüne, gelbe und rote Karten und können mit diesen die Zustimmung oder Ablehnung zu einer Aussage signalisieren. Die Übung gibt umgehend einen Überblick über die Stimmungslage in der Lerngruppe.

Blitzlicht
Das Blitzlicht bezieht sich auf eine konkrete Frage, zu der sich alle Beteiligten nacheinander in einem kurzen Statement äußern.

Fadenkreuz
Die Schüler*innen markieren auf einem Plakat mit einem Fadenkreuz ihre Position zu einer oder mehreren Fragestellungen. Je näher am Innenkreis sie ihren „Punkt“ setzen, desto stärker stimmen sie der Aussage oder Fragestellung zu.

Stimmungsbarometer
Bei einem Stimmungsbarometer können die Schüler*innen auf einem Plakat, mit Smileys oder auf einer Positionslinie im Klassenraum ihre Meinung zu einem Thema ausdrücken.

One-Minute-Paper
Beim One-Minute-Paper werden am Ende einer Stunde oder Unterrichtsreihe auf einer Seite alle Eindrücke zu einer Impulsfrage festgehalten.

Feedback-Brief
Feedback-Briefe sind persönliche oder anonyme Rückmeldungen, die sich an die Lehrperson oder an andere Teilnehmer* innen der Gruppe, die vorher zugelost wurden, richten und in denen spezifische Fragen zum Unterricht oder der Zusammenarbeit beantwortet werden.

Gruppen-Reflexion
Im Rahmen einer strukturierten Reflexion, die in Partnerarbeit, innerhalb von Arbeitsgruppen oder im Klassenverband stattfinden kann, werden Impulsfragen zur Evaluation und Perspektivierung der gemeinsamen Arbeit diskutiert und die zentralen Ergebnisse ggf. visualisiert und anschließend im Plenum vorgestellt.

Fragebogen
Um die Erfahrungen nach einer Unterrichtseinheit zu erheben, die Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen zu reflektieren oder die Erwartungen, Vorerfahrungen und Interessen für die kommende Unterrichtsreihe zu erschließen, bieten sich Fragebögen an. Diese können von der Lehrperson oder Schülergruppen vorbereitet, ausgewertet und präsentiert werden und sollten den spezifischen Voraussetzungen in der Klasse und Erkenntnisinteressen angepasst werden (vgl. hierzu auch den folgenden Beitrag von Julia Frisch).

 


Checkliste
Feedbackkultur

Ziel

Unterricht durch den Einbezug von Erfahrungen, Erwartungen und Expertise von Schüler*innen verbessern und die Eigenverantwortung von Schüler*innen fördern.

Zielgruppe

Schulklasse, einzelne Arbeitsgruppen oder auch klassenübergreifender Jahrgang.

Dauer

Zwischen wenigen Minuten bis zu einer Schulstunde, regelmäßige Anwendung wichtig.

Vorgehen
  • unterschiedlich in Abhängigkeit der gewählten Methode.
  • vorab: Klärung von Zielsetzung und Erkenntnisinteresse.
  • Vorbereitung der Fragen, ggf. Materialien und Fragebögen.
  • Durchführung.
  • Auswertung und Präsentation der Ergebnisse je nach Methode.
  • Gemeinsame Reflexion und Ziehen von Schlussfolgerungen aus dem Feedback.
  • ggf. Metareflexion der Durchführung und des Mehrwerts der Feedback-Methode.
Tipp

Schüler*innen sollten in die Konzeption und Auswertung der Unterrichtsevaluation einbezogen werden, indem einzelne Schüler*innen beispielsweise Fragebögen eigenständig erstellen und die Ergebnisse präsentieren.


1 Vgl. Monika Wilkening (2016): Praxisbuch Feedback im Unterricht. Lernprozesse reflektieren und unterstützen. Weinheim: Beltz-Verlag.

2 Norbert Landwehr (2003): Grundlagen zum Ablauf einer Feedback-Kultur. Bern: h.e.p. Verlag





Philipp Anton

Philipp Anton studiert Sozialkunde und Geographie auf Lehramt und ist wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt Demokratische Schulentwicklung am Arbeitsbereich Didaktik der Gesellschaftswissenschaften der Universität Trier.

Autor*in(nen):

Philipp Anton (2019)

Titel:

Feedbackkultur im Unterricht: Miteinander besser werden

Erschienen in Ausgabe:

3 / 2019 - Partizipation im Unterricht, S. 20-22.

Stichwörter:
Zitiervorschlag:
Philipp Anton (2019) : Feedbackkultur im Unterricht: Miteinander besser werden, in: mateneen 3 / 2019 - Partizipation im Unterricht , S. 20-22. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-e39c-b726