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Klassenrat aus Schülersicht

Die Implementierung eines Klassenrats ist mit der Hoffnung verbunden, die demokratischen Kompetenzen von Schüler*innen zu stärken. Welche Kompetenzen die Teilnehmer*innen mithilfe dieser demokratiepädagogischen Methode tatsächlich erwerben und wie sich der Klassenrat auf die Klassengemeinschaft auswirkt, hat eine empirische Studie1 am Lycée Nic Biever in Dudelange untersucht.

Mithilfe der Methodenkombination aus teilnehmender Beobachtung, Interview sowie Fragebogenerhebung wurde im Schuljahr 2017/18 die Entwicklung von sozialen und demokratischen Kompetenzen in den Klassenräten aller siebten Klassen der Schule analysiert. Im Mittelpunkt der Studie stand dabei die Selbstwahrnehmung der Schüler*innen – denn wer könnte über die eigenen Wahrnehmungen und Entwicklungen besser berichten als die Zielgruppe selbst?

Positive Wirkung auf soziale Kompetenzen

Im Rahmen dieser Untersuchung konnte festgestellt werden, dass der Klassenrat sich auf vielfältige Weise positiv auf die sozialen und demokratischen Kompetenzen der Schüler*innen auswirkt. So schätzen die Interviewteilnehmer*innen die Möglichkeit im Klassenrat über gemeinsame Anliegen zu sprechen. Während vor der Einführung des Klassenrats die Schüler*innen nach eigener Einschätzung „meistens nichts mitbekommen“ haben, berichten die Befragten von einem verbesserten Informationsaustausch und einem erhöhten Bewusstsein bezüglich der Geschehnisse innerhalb der Klassengemeinschaft. Selbst- und Fremdwahrnehmung würden gefördert und das Verständnis für die Sichtweisen der Mitschüler*innen steigt. Auch hinsichtlich der Entscheidungsfindung beschreiben die Schüler*innen einen Prozess der Demokratisierung:

„Es ist auf jeden Fall hilfreich und positiv, weil wir jetzt alles zusammen besprechen können und es ist nicht nur einer der sagt, das wird gemacht und nein, das wird nicht gemacht, wir entscheiden als Klasse und das ist gut für die Klasse, dass wir uns besser verstehen und dass Probleme gelöst werden können – auch Streit.“ (Schülerin, 7. Klasse)

Neben der Wertung des Klassenrats als „hilfreich“ und „positiv“ schildert die Schülerin, dass Entscheidungen im Klassenrat nicht durch Einzelpersonen, sondern gemeinsam mit allen Klassenratsmitgliedern getroffen werden. Die beschriebene Entwicklung von monokratischen hin zu demokratischen Verfahren stärkt nicht nur die Beteiligung der Schüler* innen. Vielmehr eröffnet der Klassenrat allen Schüler*innen die Chance, in einen gemeinsamen Austausch mit den Klassenratsmitgliedern zu treten.

„Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, machen wir oft Abstimmungen und wir reden darüber, was an einem positiv und an dem anderen negativ ist. Dann treffen wir meistens eine gemeinsame Entscheidung.“ (Schüler, 7. Klasse)

Zusätzlich beschreibt ein weiterer Schüler das kollektive Abwägen von Handlungsmöglichkeiten, wodurch die Schüler*innen die Fähigkeit entwickeln, einen Sachverhalt angemessen zu bewerten, um letztendlich eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Mithilfe dieser Vorgehensweise wird die demokratische Kompetenz der (politischen) Urteilsfähigkeit der Klassenratsmitglieder trainiert. Darüber hinaus lernen die Schüler*innen im Klassenrat unterschiedliche Formen der Entscheidungsfindung des demokratischen Prozesses kennen. Innerhalb der Interviews nennen die Befragten neben der Konsensentscheidung hauptsächlich die Möglichkeit der Mehrheitsentscheidung. Aus den Beiträgen wird deutlich, dass die Klassenratsmitglieder lernen, Abstimmungen gegebenenfalls zu verlieren und demokratische Entscheide mitzutragen. So stimmen 81,6 Prozent der Fragebogenteilnehmer* innen2 der Aussage zu, dass im Klassenrat faire Entscheidungen getroffen werden:

Demokratische Konfliktlösung im Klassenrat

Hinsichtlich der Themenvarianz wurde innerhalb der Interviews deutlich, dass die Besprechung und Lösung von interindividuellen Konflikten einen Schwerpunkt im Klassenrat bildet. Während vor der Einführung des Klassenrats Konflikte „mit streiten“, „gar nicht“ oder „mit einer Strafe“ geschlichtet wurden, bietet der Klassenrat aus Sicht der Schüler*innen die Möglichkeit, über „Probleme“ zu sprechen, „die sonst nicht beredet werden würden“. Daraus kann gefolgert werden, dass der Klassenrat Raum und Struktur bietet, um über Konflikte zu sprechen, wodurch eine nachhaltige Konfliktlösung erst ermöglicht wird. Damit wird die Kompetenz der Konfliktfähigkeit verbalisiert, die auf der Fähigkeit beruht, Konflikte angemessen anzusprechen und sie kooperativ lösen zu können. In diesem Zusammenhang berichteten mehrere Interviewteilnehmer*innen von positiven Auswirkungen der demokratiepädagogischen Bauform auf die Klassengemeinschaft. Vor allem durch das Lösen von Angelegenheiten auf der interindividuellen Ebene nehmen die Befragten eine Verbesserung des Klassenklimas wahr.

„Ich habe bemerkt, dass die Klasse auf jeden Fall weniger streitet untereinander und dass viele Probleme nicht mehr existieren.“ (Schülerin, 7. Klasse)

Dieser, von einzelnen Schüler*innen wahrgenommenen positiven Veränderung der Klassengemeinschaft stimmen auch 73 Prozent der Teilnehmer*innen der Fragebogenerhebung „eher“ bzw. „vollkommen“ zu. Zu einer Verbesserung des Klassenklimas tragen ebenfalls Progressionen im Bereich der Sozialkompetenz bei. So schildern mehrere Interviewteilnehmer*innen die Möglichkeit des Perspektivwechsels im Klassenrat.

„Wenn wir uns nicht einig sind, dann diskutieren wir darüber und wenn andere dann eine Meinung haben, ermöglicht das auch zu sehen, wie die das denken“. (Schülerin, 7. Klasse)

Im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen äußert die Schülerin zunächst die Möglichkeit des kollektiven Gesprächs. Dieser gemeinsame Austausch ermögliche, die Sichtweisen der Mitschüler*innen in Erfahrung zu bringen, wodurch Anliegen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden. Auch innerhalb der Fragebogenerhebung sprechen einzelne Schüler*innen ihre Empfehlung bezüglich des Klassenrats aus, da „man die Sichten von anderen Schülern kennenlernt“. In diesem Zusammenhang stimmen annähernd drei Viertel der Fragebogenteilnehmer* innen der Aussage „Im Klassenrat erfahre ich mehr über die Sichtweisen meiner Mitschüler“ zu. Letztendlich zeigt die Relevanz, die die Schüler*innen dem Klassenrat beimessen, die hohe Zufriedenheit der Lernenden mit der demokratiepädagogischen Bauform: Immerhin 81,6 Prozent der befragten Schüler*innen gaben an, dass ihrer Meinung nach der Klassenrat eine wichtige schulische Einrichtung darstellt. Diese anerkennende Resonanz sowie die nach Schüleraussagen stattfindende Förderung von demokratischen und sozialen Kompetenzen belegen Bedeutung und Wirksamkeit des Klassenrats. Darüber hinaus handelt es sich bei den beschriebenen Kompetenzen um Fähigkeiten, die nicht nur den Schulalltag positiv beeinflussen können, sondern die auch für das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung sind.

 Auf die Umsetzung kommt es an

Ein Vergleich zwischen den acht untersuchten Klassen zeigte jedoch auch, dass die Wirksamkeit des Klassenrats stark von den Rahmenbedingungen abhängt, unter denen er von den begleitenden Lehrpersonen initiiert und durchgeführt wird. So waren die wahrgenommene positive Wirkung des Klassenrats und die Zufriedenheit mit der demokratiepädagogischen Bauform in jenen Klassen besonders stark ausgeprägt, in denen der Klassenrat regelmäßig und verbindlich stattfindet. Wesentlich skeptischer und ablehnender gaben sich dagegen Schüler*innen, die bisher nur wenige und unregelmäßige Sitzungen des Klassenrats erlebt haben. Damit ein Klassenrat tatsächlich die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen kann, benötigt es daher feste und transparente Vereinbarungen, wann und wie oft er stattfindet sowie die notwendige Geduld, bis nach einer Anfangsphase das für viele Schüler*innen zunächst ungewohnte Beteiligungsverfahren verstanden und in seinen Chancen erkannt werden kann. Zugleich sind auch die Einstellungen und das Verhalten der anleitenden Lehrpersonen wichtige Einflussfaktoren für den Erfolg des Klassenrats. So zeigte die Studie, dass die Rolle, die Lehrer*innen während der Klassenratssitzungen einnehmen, von vielen Schüler*innen als diffus wahrgenommen wird. Unsicherheit entsteht auf Seiten der Schüler*innen insbesondere dann, wenn anleitende Lehrer*innen dem Klassenrat keinen Wert beimessen und die Relevanz der Sitzungen infrage stellen, indem sie beispielsweise vorgesehene Klassenratstermine eigenmächtig zugunsten von Fachunterrichtsstunden ausfallen lassen oder sich negativ über die demokratiepädagogische Bauform äußern. Neben der grundlegenden Wertschätzung, die Lehrer*innen dem Klassenrat entgegenbringen müssen, damit auch Lernende das Lernarrangement als relevant und sinnvoll anerkennen, besitzt schließlich auch das Lehrer*innenhandeln im Klassenrat einen zentralen Einfluss auf gelingende demokratische Lernprozesse. Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass die Schüler*innen sehr genau registrieren, ob Lehrpersonen sich selbst an die Gesprächsregeln im Klassenrat halten und die Klassenratsergebnisse anerkennen. Weder wird von den Lernenden eine Laissez-faire-Haltung geschätzt, bei der begleitende Lehrpersonen sich aus den Diskussionen im Klassenrat völlig herausnehmen, noch zeigen sich die Schüler*innen glücklich mit Lehrkräften, die ungefragt und ggf. ohne Meldung in Klassenratsgespräche regelnd einzugreifen suchen. Sinnvoll für den eigenen Lernprozess werden vielmehr Lehrpersonen empfunden, die auf Nachfrage unterstützend zur Verfügung stehen, ohne sich aufzudrängen und dem autonom organisierten Klassenrat und seinen Gesprächsregeln mit Wertschätzung und Respekt begegnen. Wo dies gelingt, kann der Klassenrat seine Wirksamkeit am besten entfalten.

 


1 Vgl. Carina Otto (2018): Der demokratiepädagogische Klassenrat aus Sicht der Schülerinnen und Schüler. Eine empirische Studie zur Situation in Luxemburg. Trier. (unveröffentlichte Masterarbeit)

2 Insgesamt wurden in der Studie 163 Schüler*innen aus acht Klassen in die Auswertung einbezogen.





Carina Otto

Carina Otto studierte Deutsch und Politik für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Trier. Sie arbeitete als wissenschaftliche Hilfskraft und unterrichtet aktuell an einer Grundschule in Rheinland-Pfalz.

Autor*in(nen):

Carina Otto (2019)

Titel:

Klassenrat aus Schülersicht

Erschienen in Ausgabe:

2 / 2019 - Der Klassenrat, S. 11-13.

Stichwörter:
Zitiervorschlag:
Carina Otto (2019) : Klassenrat aus Schülersicht, in: mateneen 2 / 2019 - Der Klassenrat , S. 11-13. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-6e7d-2000