Artikel

Mitbestimmung von Anfang an. Zu Besuch beim Schulparlament in Fentingen

Wie ist es möglich, den Willen und die Meinung von Grundschulkindern konstruktiv zu nutzen? Wie können Lehrer*innen, Erzieher*innen und Kinder verschiedener Altersstufen auf Augenhöhe miteinander diskutieren, planen und Projekte erfolgreich umsetzen? Das Schulparlament in Fentingen zeigt, wie es geht.

Um einen Einblick in die Beteiligungspraxis der Fentinger Grundschule zu bekommen, stehe ich an einem Dienstagmorgen um 10 Uhr vor der Schule und beobachte ein buntes Treiben. Gerade hat die Pause begonnen und der Pausenhof füllt sich nach und nach. Laurent Schoder, der amtierende Schulpräsident nimmt mich in Empfang und führt mich durch das Schulgebäude in den Raum, in dem die Parlamentssitzung nach der Pause stattfinden wird. Hier ist ein großer Tisch aufgebaut, vor jedem der zwölf Stühle liegt ein Ablaufplan bereit.

Die Vorbereitung

„Der Sitzungsablauf wird vom Schulcomité1 zusammengestellt, wobei die Schüler*innen eigene Punkte in die Sitzung mitbringen oder die Punkte im Vorfeld den Vertreter* innen der Lehrerschaft mitteilen, die sie dann auf die Liste setzen“, erklärt mir Schoder, als er mir einen Ablaufplan gibt.

Zudem finde die weitere Vorbereitung immer in der Klasse statt: Hier sammeln die Vertreter*innen Themen, besprechen die Punkte der nächsten Sitzung und holen dazu die Meinungen der Mitschüler*innen ein. Das passiere, so Schoder, auch oft in den Pausen, aber die Klassen bekämen, wenn sie es wünschten, Vorbereitungszeit im Regelunterricht eingeräumt.

Die Vorbereitung sieht im Kindergarten (Alter 3-5 Jahre) etwas anders aus: Hier arbeitet die Lehrperson die einzelnen Punkte der nächsten Sitzung mit der Klasse ab und fragt ganz gezielt nach Wünschen und Problemen. Dadurch ist der/die Vertreter* in gut auf die Sitzung vorbereitet.

Überhaupt ist die Integration der Vertreter* innen des Kindergartens kein Problem. Mit ein bisschen Unterstützung der anderen Mitglieder bei den Erklärungen können die Kinder, die die Kleinsten der Schule vertreten, gut mitmischen. „Obwohl es in aller Regel schon so ist, dass hier die Redebeiträge etwas kürzer sind, ist es wichtig, dass deren Vertreter*innen erste Erfahrungen in der Parlamentsarbeit sammeln.“

Die Sitzung beginnt

Und dann ist die Pause auch schon vorbei und die ersten Kinder betreten den Raum, grüßen einander und setzen sich wie selbstverständlich an den Tisch. Alle sind sehr konzentriert und organisiert. Man stellt fest, dass eine Sitzung des Parlaments nichts Außergewöhnliches darstellt, sondern etwas ganz Normales im Schulalltag ist.

„Ich habe die Rolle, allen Schülern aus meiner Klasse gut zuzuhören und mir zu merken, was für Probleme sie haben, und das dann im Parlament zu sagen.“ (Vertreter des Cycle 4.1)

Um 20 Minuten nach zehn Uhr eröffnet Schoder die Sitzung, begrüßt die Teilnehmenden und fragt die Vertreter*innen, ob alle mit dem geplanten Ablauf einverstanden seien. Da alle einverstanden sind, geht er gleich zum ersten Punkt über: Es geht um die Aufführung eines Musicals, die für die Schulgemeinschaft geplant ist.

Ich bin erstaunt, wie zielorientiert gearbeitet wird: Die einzelnen Organisationspunkte werden den Vertreter*innen der Schülerschaft erklärt und die spezifischen Aufgaben für die einzelnen Klassen werden nach und nach verteilt.

Obwohl das Comité die Sitzung leitet und die Aufgaben verteilt, diskutieren die Vertreter* innen der Schüler*innen munter mit: Sie machen Änderungsvorschläge, erklären ihre Standpunkte und stellen Fragen.

Ich stelle zum einen fest, dass die Schüler* innen fest im Projekt involviert sind und es als ihr Projekt wahrnehmen. Zum anderen fällt auf, dass die Schüler*innen ohne Scheu und ganz selbstverständlich mitarbeiten, Fragen stellen und Kritik äußern. Hier findet eine Diskussion auf Augenhöhe zwischen gleichberechtigten Partnern statt.

Bevor der erste Punkt abgeschlossen wird, werden die Vertreter*innen gefragt, ob sie alles verstanden haben und wissen, was sie ihren Klassen mitteilen sollen.

Auf Augenhöhe

Der zweite Punkt der Sitzung ist das Winterfest, das in den nächsten Wochen stattfindet. Nun zeigt sich, dass das Parlament auch offener arbeiten kann: Es sind nicht die Erwachsenen, die die Diskussion leiten, sondern es sind die Schüler*innen, die im Mittelpunkt stehen. Es werden Ideen gesammelt, Fragen gestellt, über den Sinn einzelner Ideen diskutiert.

Während dieser Diskussionen fällt auf, wie diszipliniert und respektvoll das Parlament arbeitet. Die Mitglieder lassen sich ausreden, fragen nach und warten mit Redebeiträgen ab, bis sie an der Reihe sind. Den Überblick behält eine Schülervertreterin, die von einem Lehrervertreter unterstützt wird. Über einzelne Ideen wird per Handzeichen abgestimmt, das Ergebnis vom Plenum sogleich akzeptiert, sodass wenig Zeit verloren geht.

Ergebnisse, Fragen und Beschlüsse werden von der Vertreterin des Cycle 4.2 (Elfjährige) schriftlich festgehalten. „Das hat rein praktische Gründe: Diese Schüler*innen können am besten und schnellsten schreiben, zudem haben sie oft auch Lust, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen.“ Ansonsten werde ohne feste Rollen gearbeitet, aber es kristallisiere sich meist nach den ersten Sitzungen heraus, wo welche/r Schüler*in seine/ihre Talente in der parlamentarischen Arbeit habe, erklärt mir Schoder nach der Sitzung.

„Ich finde am Parlament gut,dass man dort jedem gut zuhört und dass man dort zusammenarbeitet.“ (Vertreterin des Cycle 4.1)

Ohnehin spielt das schriftliche Protokoll eine untergeordnete Rolle, da am Ende jeder Sitzung die wichtigen Informationen mündlich zusammengefasst werden. Die Vertreter*innen geben die Informationen gleich nach der Sitzung direkt an ihre Klassen weiter. Mit dieser Methode wird sichergestellt, dass die Informationen überall ankommen, und dass sie in jeder Klasse in der entsprechenden verständlichen Sprache erklärt werden.

Die parlamentarische Arbeit in einer Grundschule.
Rituale sind wichtig

Der dritte Punkt ist ein fester wiederkehrender Bestandteil der Parlamentssitzungen: Die Lehrervertretung stellt aktuelle Informationen vor. Dieser Punkt ist wichtig, damit jedes Schulmitglied weiß, was wann in der Schule geplant ist und was andere Klassen in nächster Zeit vorhaben. So ist die Schulgemeinschaft zu jeder Zeit über alles informiert, auch ohne dafür lesen können zu müssen, ein Fakt, der besonders für die Integration der unteren Klassen in die gesamte Schulgemeinschaft wichtig ist.

Schließlich wird nach 35 Minuten der vierte und letzte Punkt dieser Sitzung in Angriff genommen. Man merkt, dass die Konzentration langsam schwindet, jedoch geht es immer noch geordnet dem Schluss der Sitzung entgegen. Es scheint sich für jedes Mitglied durch Erfahrung gezeigt zu haben, dass zielorientiertes Arbeiten die schnellste und produktivste Methode ist, eine Sitzung erfolgreich zu Ende zu bringen.

Anliegen ernst nehmen

„Das wichtigste Element des Parlaments ist die Wertschätzung der Schüler*innen. Alle Vertreter*innen fühlen sich ernstgenommen, da wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Überhaupt ist die gemeinsame Entscheidung der beste Moment des Parlaments“. Mit dem letzten Ordnungspunkt der Sitzung werden diese Aussagen Schoders hervorgehoben. Bei den vorgebrachten Themen der Schülerseite wird gemeinsam diskutiert, argumentiert, kritisiert, aber auch um Lösungen gerungen.

Hier wird über die gesamte Bandbreite des Schulalltags diskutiert: Von zu kleinen Fußballtoren bis hin zur Regel, in den Pausen das Schulgebäude verlassen zu müssen, ist alles dabei. Die Vertreterin des Kindergartens bemängelt, dass die Regel, laut welcher in einem bestimmten Bereich des Hofes nicht gerannt werden dürfe, von den älteren Schüler*innen nicht eingehalten werde.

Jede Eingabe wird mit dem gleichen Ernst behandelt und es wird einander aufmerksam zugehört. Auffallend ist, dass die älteren Schüler*innen von Zeit zu Zeit bei den jüngeren nachfragen, ob sie alles verständen und ob sie noch etwas äußern wollten.

Abschluss und Nachbereitung

Am Ende der Sitzung werden die wichtigsten Informationen noch einmal wiederholt, dann wird die Sitzung aufgehoben und die Vertreter*innen gehen in ihre Klasse, um dort von der Sitzung zu berichten.

Die Mitglieder des Parlaments verteilen keinen schriftlichen Bericht in ihren Klassen, sondern stellen die Ergebnisse einer Sitzung mündlich vor. Hierzu bekommt die Klasse von der Lehrperson im Unterricht die notwendige Zeit eingeräumt.

Auf meine Frage, ob das nicht als Zeitverlust wahrgenommen werde, meint Schoder: „Nein, denn so gelangen die wichtigen Informationen direkt an die ganze Klasse, so dass die Informationen ausreichend erklärt werden können. Eigentlich gewinnt man dadurch Zeit.“

Nach rund 50 Minuten kann Laurent Schoder die Sitzung beenden und die Mitglieder verlassen den Raum zügig in Richtung Regelunterricht.

Ein erfolgreiches Schulparlament

Das Fentinger Schulparlament hat einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Der Erfolg des Parlaments lässt sich unter anderem durch ein paar wichtige Faktoren erklären: Zum einen steht das Kollegium geschlossen hinter der Idee des Schulparlaments, sodass auch die Kolleg*innen, die nicht direkt involviert sind, das Parlament und dessen Vertreter*innen unterstützen. Die Überzeugung, dass das Parlament allen Beteiligten viel nützt und den Schulalltag erleichtert und interessanter macht, sei, laut Schoder, ein wichtiger Baustein des Parlaments.

Zum anderen ist das Parlament in ein Konzept des permanenten Austauschs eingebettet. In regelmäßigen Abschnitten werden Austauschmomente zwischen den einzelnen Klassenstufen organisiert. So lernen sich Kinder des Cycle 4.2 und Kindergartenkinder kennen und arbeiten gemeinsam an Projekten. Dies sei nicht nur ein Gewinn für den Schulalltag, sondern stelle auch die Basis einer funktionierenden Parlamentsarbeit dar: Denn nur wer die Gemeinschaft kennt, die Bedürfnisse versteht und die einzelnen Mitglieder respektiert, kann eine gute parlamentarische Arbeit verrichten.

Nicht zuletzt sei es auch wichtig, dass neben den alltäglichen Dingen wiederkehrende Ereignisse mithilfe des Parlaments geplant und umgesetzt werden. „Dadurch steht das Parlament immer im Mittelpunkt der schulischen Aktivitäten, was ihm auch dauerhaft Legitimation und Anerkennung verleiht. Dadurch wird das Parlament nicht von den verschiedenen Akteuren – Eltern, Lehrerschaft und Schüler*innen – in Frage gestellt, sondern es ist eine fest verankerte und anerkannte Institution der Grundschule.“

 


Kontakt

École Fentange
75, rue de Bettembourg
L-5811 Fentange
Email: fenteng_comite@hesperschoulen.lu


 

1 In Luxemburg hat jede Grundschule ein Schulcomité, das aus gewählten Vertreter*innen der Lehrerschaft besteht. Es ist für den geregelten Ablauf des Schulalltags und die Kommunikation zwischen Schule, Gemeinde und Eltern verantwortlich.





Tom Ketter

Tom Ketter studierte Philosophie und Geschichte an der Universität Heidelberg. Aktuell arbeitet er an einer Sekundarschule und für die Stiftung Zentrum fir politesch Bildung in Luxemburg.

Autor*in(nen):

Tom Ketter (2020)

Titel:

Mitbestimmung von Anfang an. Zu Besuch beim Schulparlament in Fentingen

Erschienen in Ausgabe:

05 / 2020 - Schülervertretung, S. 16-18.

Stichwörter:
Zitiervorschlag:
Tom Ketter (2020) : Mitbestimmung von Anfang an. Zu Besuch beim Schulparlament in Fentingen, in: mateneen 05 / 2020 - Schülervertretung , S. 16-18. Online unter: https://seafile.rlp.net/f/33726ffd5d434af59c78/?dl=1