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Partizipationsorientierte Aufgabenkultur im Fachunterricht

Die Partizipationskompetenz von Schülerinnen und Schülern sollte nicht nur durch eine Beteiligung an der formalen Gestaltung und Bewertung des Unterrichts gefördert werden. Vielmehr bietet eine entsprechende Aufgabenkultur vielfältige Möglichkeiten, demokratische Partizipation durch simulatives oder reales Handeln im fachlichen Lernen zu üben und zu reflektieren.

Damit Schülerinnen und Schüler an gesellschaftlichen und politischen Prozessen kompetent partizipieren können, müssen entsprechende Analyse-, Kommunikations- und Urteilskompetenzen in Schule und Unterricht gefördert werden. Eine solch demokratische Bildung ist nicht allein Aufgabe des Politikunterrichts, sondern als Unterrichtsprinzip Verpflichtung für alle Fächer. Gerade das fachliche Lernen und eine entsprechend situierte Aufgabenkultur bieten hierfür zahlreiche Gelegenheiten. Bisher werden die Chancen für eine entsprechende Unterrichtsgestaltung nur bedingt ausgeschöpft. Reproduktionsaufgaben, die sich auf die Wiedergabe positivistischen Wissens beschränken, und Anwendungsaufgaben, die kontextfrei und ohne Adressatenorientierung die Zusammenfassung oder Analyse von Sachtexten fordern, bleiben für Schüler*innen in ihrer Bedeutsamkeit oft lebensfern und sinnentleert. „Non vitae sed scholae discimus“ – nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir, klagte schon Seneca.

Sinnstiftende Anforderungssituation als Stimulus fachlichen und demokratischen Lernens

Dabei erfordert es kaum Aufwand, unterrichtliche Aufgabenstellungen in sinnstiftende, komplexe Anforderungssituationen zu überführen. So lassen sich viele Aufgabenformate analog zu realem gesellschaftlichem Partizipationshandeln initiieren. Statt eine Stellungnahme „im luftleeren Raum“ zu schreiben, können Schüler*innen angehalten werden, einen Leserbrief oder Beitrag für die regionale Tageszeitung zu verfassen. Fragestellungen aus den naturwissenschaftlichen Fächern lassen sich eingebettet in gesellschaftliche Diskurse als Podiumsdiskussion erörtern. Die Inhalte des Geschichtsunterrichts können in einer Ausstellung für die Schulgemeinschaft aufbereitet werden. Die Liste möglicher realer Beteiligungssituationen, in denen die sonst nur abstrakt geforderten Aufgaben wie das „Zusammenfassen“, „Analysieren“, „Interpretieren“ oder „Bewerten“ lebensnah und sinnstiftend zum Tragen kommen, ist lang (vgl. Übersicht). Eine Einbettung des fachlichen Lernens in problemorientierte, komplexe Handlungssituationen vermittelt Schüler*innen nicht nur die Funktion und Bedeutung der geforderten Kompetenzen. Sie fördert die Motivation und Nachhaltigkeit des fachlichen Lernens. Sie bietet anregende Erfahrungsräume für demokratische Beteiligung und stärkt im eigenen Urteilen, Argumentieren und Engagement die Selbstwirksamkeit der Lernenden.

Simulatives und reales Partizipieren im Unterricht

Umfang und Reichweite der an realen gesellschaftlichen Handlungssituationen orientierten Aufgaben können angepasst an die Unterrichtsbedingungen und die Bedürfnisse der Beteiligten gestaltet werden. So lassen sich einzelne Verfahren wie das Verfassen eines Leserbriefs als Phase im Lehrgangsunterricht auf einfache Weise integrieren. Neben der Simulation gesellschaftlicher Beteiligung kann jedoch auch zum realen Handeln, beispielsweise durch das Verfassen einer Petition oder die Konzeption eines Theaterabends, im Rahmen von Unterrichtsprojekten oder fachübergreifenden Initiativen angeleitet werden. Im „Service Learning“ („Lernen durch Engagement“) wird fachliches Lernen systematisch und dauerhaft mit gesellschaftlichem Engagement und echter Einflussnahme verbunden. Allen Formaten gemein ist, dass sie reale Partizipationsprozesse in Politik und Gesellschaft abbilden und unterrichtliche Aufgabenstellungen situativ eingebettet, kontext- und adressatenspezifisch verorten. Neben dem Einüben in die unterschiedlichen Partizipationsformen bietet insbesondere die unterrichtliche Reflexion der Handlungsmuster mit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, Wirksamkeit und Funktion sowie ihren Chancen, Herausforderungen und kommunikativen Besonderheiten am Ende einer entsprechenden Erprobung und inhaltlichen Auswertung eine wichtige Voraussetzung, um den gesellschaftspolitischen Erkenntnisprozess zu sichern.

 


Partizipative Handlungssituationen für den Fachunterricht

 

  • einen Blog führen
  • eine Internetseite erstellen
  • einen Leserbrief schreiben
  • einen Foreneintrag verfassen
  • einen Artikel oder Kommentar für die (Schüler-)Zeitung schreiben
  • eine Podiums- oder TV-Diskussion führen
  • eine TV- oder Radioreportage oder einen Podcast erstellen
  • eine Befragung durchführen
  • ein Interview führen
  • eine (politische) Rede halten
  • eine Werbeanzeige, ein Flugblatt oder ein Plakat zu einem öffentlichen Anliegen erstellen
  • eine Karikatur gestalten
  • eine Broschüre oder ein Buch publizieren
  • ein Gerichtsverfahren oder einen Gesetzgebungsprozess simulieren
  • eine Pressemitteilung erstellen
  • eine Ausstellung konzipieren
  • eine Bürgerinitiative starten
  • eine (Online-)Petition stellen · einen Verein gründen
  • eine Demonstration organisieren

Checkliste
Aufgabenkultur

Ziel

Förderung der Partizipationskompetenz durch situativ eingebettete Aufgabenstellungen.

Zielgruppe

Lerngruppen in allen Jahrgängen.

Dauer

Je nach konzipierter Anforderungssituation.

Vorgehen
  • Transfer einer fachlichen Aufgabenstellung in eine geeignete gesellschaftliche Handlungssituation.
  • Problemorientierte, kontextualisierte Einführung in die Anforderungssituation.
  • Bearbeitung der Aufgabenstellung.
  • Präsentation und Auswertung des fachlichen Lerninhalts.
  • Reflexion des simulierten oder realen Handelns im Kontext gesellschaftspolitischer Bildung.
Tipp

Nach Bearbeitung der situativ eingebetteten Aufgabenstellung sollte der Vergleich mit der entsprechenden realen gesellschaftspolitischen Situation stehen, um beispielsweise die Realitätsnähe, Bedeutsamkeit, Wirksamkeit und Funktion des Handlungskontextes zu reflektieren.





Prof. Dr. Matthias Busch

Politikwissenschaft, Universität Trier
Matthias Busch ist Professor für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften. Er lehrt und forscht u.a. zur Demokratiepädagogik, Europabildung und Geschichte der politischen Bildung.

Autor*in(nen):

Prof. Dr. Matthias Busch (2019)

Titel:

Partizipationsorientierte Aufgabenkultur im Fachunterricht

Erschienen in Ausgabe:

3 / 2019 - Partizipation im Unterricht, S. 26-28.

Stichwörter:
Zitiervorschlag:
Matthias Busch (2019) : Partizipationsorientierte Aufgabenkultur im Fachunterricht, in: mateneen 3 / 2019 - Partizipation im Unterricht , S. 26-28. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-828e-da4e