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Den Klassenrat einführen

Bevor eine Einführung des Klassenrats in einer Schulklasse erfolgen kann, sind organisatorische, inhaltliche und methodische Vorbereitungen erforderlich. Der Beitrag gibt Hinweise zur Einführung des Klassenrats und bietet konkrete Methoden, die eine erfolgreiche Implementierung in einer Schulklasse unterstützen.

So sollte im Vorhinein mit der Schulleitung und den Fachlehrer*innen abgesprochen werden, dass die Einführung eines Klassenrats geplant ist, um u.a. zu klären, welche Einflussmöglichkeiten dem Klassenrat eingeräumt werden sollen. Da der Klassenrat den Schüler*innen die Chance gibt, beispielsweise selber auf Problemlagen zu reagieren und Lösungswege untereinander zu entwickeln, ist es wichtig, die Fachlehrer*innen auf die Möglichkeiten des neuen Beteiligungsgremiums hinzuweisen und das Engagement der Schüler*innen wertzuschätzen. Auf Ebene der Schulleitung ist es ratsam, die notwendige Unterstützung insbesondere für die regelmäßigen Klassenratssitzungen abzusichern. Es ist wenig gewonnen, wenn nach einer ersten Erprobungsphase die Zeitfenster, in denen der Klassenrat tagen kann, nicht verbindlich geregelt sind. Auch die Eltern der Klasse sollten rechtzeitig über die Einführung, Zielsetzung und den Mehrwert des Klassenrats informiert werden, damit sie ggf. Berichte der Schüler*innen einordnen können.

Methodische Vorbereitung

Neben der Klärung der organisatorischen und strukturellen Fragen ist auch die methodische Vorbereitung von zentraler Bedeutung. In den Klassenratssitzungen werden den Schüler*innen erhebliche kommunikative und soziale Kompetenzen abverlangt. Damit das gegenseitige Zuhören, die Moderation, das Protokollieren und Formulieren der persönlichen Anliegen erfolgreich gelingen, ist es ratsam, einige der zentralen Kommunikations- und Arbeitstechniken in vorgelagerten Übungen gezielt zu trainieren. So kann beispielsweise das Führen eines Protokolls im Sprachunterricht erarbeitet werden. Übungen zu einer konstruktiven Gesprächsführung, wie die Formulierung von Ich-Botschaften, die Giraffensprache, Techniken der gewaltfreien Kommunikation oder das Ausdrücken von Gefühlen (vgl. Übersicht) können bei passender Gelegenheit im Klassen- oder Fachunterricht umgesetzt werden, um so das Handeln im Klassenrat zu erleichtern. Hilfreich kann es zudem sein, eine Ruheübung einzuführen, mit der nachfolgend jeder Klassenrat beginnt. Ein solches Ritual steigert einerseits die Konzentration und kann andererseits ein wichtiges Signal darstellen, mit dem die Sitzungen des Klassenrats eröffnet werden können (siehe Rituale zur Steigerung der Konzentration).

Inhaltliche Vorbereitung

Damit Schüler*innen die Funktion des Klassenrats als demokratisches Beteiligungsgremium verstehen und nutzen können, ist es empfehlenswert, in einer vorbereitenden Unterrichtsstunde nicht nur über Ziele und Organisation des Klassenrats zu sprechen, sondern auch grundsätzliche Fragen des demokratischen Zusammenlebens und schulischer Partizipationsmöglichkeiten zu diskutieren. Was verstehen Schüler*innen unter „Demokratie“? Inwieweit erleben sie Schule als einen demokratischen Raum, den sie mitgestalten können? Welche Beteiligungsmöglichkeiten an der Schule kennen und nutzen sie? Die Materialien Die Wahl haben und Kennenlernen von Beteiligungsstrukturen an Schulen helfen dabei, die Partizipationsformen der eigenen Schule zu erkunden und so die Einbettung des Klassenrats als basisdemokratische Grundform im Kontext von Klassensprecherversammlung, Schülercomité und Schulverwaltung sinnstiftend zu erschließen. Sinnvoll ist es auch, die Regeln des Klassenrats und die Funktionen der einzelnen Ämter gemeinsam mit den Schüler*innen zu entwickeln. Die Erklärungen über Sinn und Zweck des Klassenrats sowie die zum Einsatz kommenden, altersgerechten Materialien (z.B. Rollenkarten, Anliegenzettel, Protokollvorlagen) sollten sich jedoch in Grenzen halten und an die spezifischen Bedürfnisse und den Leistungsstand der Klasse angepasst werden. An dieser Stelle ist es wichtig, die Schüler*innen direkt an verschiedenen Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen, damit sie ihren Klassenrat gestalten können. So dürfen die Schüler*innen selber entscheiden, wie ihre Themen eingereicht werden (z.B. Briefkasten, Wandzeitung) oder wie sie ihre Feedbackkultur gestalten wollen. Die Lehrkraft kann jedoch Denkanstöße geben und bei Bedarf formale Hinweise geben, indem sie beispielsweise an die positive und überprüfbare Formulierung von Gesprächsregeln erinnert. Die Ämterverteilung kann per Abstimmung, geheimer Wahl oder auch nach einem Rotationssystem erfolgen. Wenn sich Schüler*innen für bestimmte Posten melden, können sie sich im Klassenrat äußern, weshalb sie sich ihrer Meinung nach für den Posten eignen. Andererseits können Mitschüler*innen andere Schüler*innen auch vorschlagen und erklären, weshalb sich eine Person ihrer Meinung nach für eine bestimmte Aufgabe eignet. Damit geht ein respektvoller Umgang untereinander einher. Es ist wichtig, dass den Schüler*innen vor dem Wahlvorgang ans Herz gelegt wird, dass keine abfälligen Bewertungen toleriert werden, falls sich herausstellt, dass verschiedene Kandidat*innen nur wenige oder keine Stimmen erhalten.

Von der ersten Sitzung zur autonomen Gestaltung

Die Einführung des Klassenrats selbst kann in den unterschiedlichsten Varianten erfolgen. Die konkrete Umsetzung hängt vor allem vom Alter der Schüler*innen ab, von den zeitlichen Möglichkeiten, vom eigenen Anspruch auf Vollständigkeit, aber auch davon, wie schnell ein funktionstüchtiger Klassenrat auf die Beine gestellt werden soll. Es empfiehlt sich allerdings, die Einführung bei Kindern aus dem Grundschulbereich nicht ins Unendliche auszudehnen und sehr anschaulich zu gestalten. In ihrem Praxisbericht beschreibt Anne Blau1, wie sie den Klassenrat im ersten Schuljahr einer Grundschule eingeführt und begleitet hat. Ausgehend von einem in der ersten Phase stattfindenden Gesprächskreis mit Wochenrückblick, werden in Phase zwei erste Elemente des Klassenrats eingebracht (z.B. Protokollführung durch die pädagogische Fachkraft), bis schließlich in Phase drei konkrete Klassenratssitzungen durchgeführt werden. Je eher sich die Lehrkraft aus dem Geschehen zurückzieht und den Schüler*innen die Verantwortung für Abläufe, Rollen, Rituale und Feedbackrunden überträgt, desto schneller kann ein Zustand der Autonomie erreicht werden. Übernehmen verschiedene Schüler*innen im Klassenrat eine Leitungs- und Moderationsrolle (z.B. Vorsitz), benötigen diese in den ersten Sitzungen wahrscheinlich ein wenig Unterstützung durch die Lehrkraft. Gerade zu Beginn kann es immer wieder zu Schwierigkeiten beim Ablauf, Rollenhandeln oder Gesprächsverhalten kommen. Hier ist es hilfreich, wenn die Lehrperson in Phasen der Metakommunikation Schüler*innen zu Feedback und Reflexion anleitet und Wege aufzeigt, beispielsweise durch die Ergänzung von Gesprächsregeln Probleme eigenständig zu lösen. Die kontinuierliche Übernahme von Verantwortung und die Ausbildung von Eigenständigkeit im Klassenrat setzen bei den begleitenden Lehrer*innen Geduld und einen Vertrauensvorschuss an die Schüler*innen voraus, die langfristig in den Erfolg des Klassenrats münden.

 


1 Anne Blau (2015): Implementierung & Entwicklung des Klassenrats in der 1. Klasse. (unveröffentlichte Arbeit)


Checkliste
Klassenrat einführen

Ziel

Den Klassenrat als Baustein einer demokratischen Schulkultur in der Klasse einführen.

Zielgruppe

Schulklasse (10-25 Personen).

Dauer

Blockstunde oder zwei Einzelstunden.

Vorbereitung
  • Information über Vorhaben (z.B. Schulleitung, Eltern).
  • Material und Methode je nach Alter der Schüler*innen
    vorbereiten (vgl. Rollenkarten).
Durchführung
  • Sitzordnung im Klassenraum ändern (Stuhlkreis).
  • Bedeutung von (schulischer) Partizipation reflektieren.
  • Methode, Abläufe des Klassenrats vorstellen.
  • Ritual einführen (z.B. Stilleübung, Positivrunde).
  • Rollenverteilung durchführen (z.B. Wahlen).
  • Anliegen einreichen (z.B. Briefkasten oder Wandzeitung).
  • Regeln für den Klassenrat aufstellen (auf positive Formulierung achten).
  • Regelmäßige Evaluations- und Feedbackrunden durchführen.
Tipp

Schüler*innen direkt in Entscheidungsprozesse einbeziehen (z.B. Aufstellen von Klassenregeln) und Autonomie ermöglichen (d.h. den Klassenrat ohne weitere Anleitung durch die Lehrkraft durchführen).

Wichtig

Lehrpersonen behalten die Hauptverantwortung für die Klasse sowie das Recht, um unter Umständen ins Geschehen einzugreifen (z.B. in konflikthaften Situationen).

 


Kommunikationsübungen zur Vorbereitung des Klassenrats
Rituale zur Steigerung der Konzentration

Mithilfe dieser Übungen kann die Klasse die nötige Konzentration und Ruhe für den Klassenrat aufbauen.

Gefühlskarten

Die Gefühlskarten können den Schüler*innen helfen, ihre Gefühle auf eine objektive Weise auszudrücken. Diese können entweder zur Übung oder im Rollenspiel eingesetzt werden.

Begründete Ich-Botschaften

Im Klassenrat sollen Gespräche und Aussagen möglichst konflikt- und wertfrei geführt werden. Dies wird durch die „Ich-Botschaften” ermöglicht, wobei im Klassenrat besonders die „Begründete Ich-Botschaft” gebraucht wird. Durch diese Methoden können Situationen, in denen Kritik oder Beschwerden vorgetragen werden, konstruktiv und kontrolliert verarbeitet werden. Allerdings müssen die Schüler*innen diese Sprache vor Gebrauch lernen und trainieren, um sie in den entsprechenden Situationen richtig nutzen zu können. Hierzu gibt es eine Reihe von kleinen Übungen. Jede Übung kann um Beispiele erweitert oder auch auf die spezifischen Bedürfnisse einer Klasse zugeschnitten werden. Das Dokument erklärt u.a. die begründete Ich-Botschaft und enthält neben dem kurzen Theorieteil Übungen, z.B. zur Formulierung von Ich-Botschaften, um den Gebrauch der Gesprächsmethode zu trainieren. Das Poster dient als Erinnerungshilfe und Anregung für den Gebrauch der Gesprächsmethode. Es kann entweder den Schüler*innen ausgeteilt oder sichtbar im Klassenraum angebracht werden.

Giraffensprache

Mit der Giraffensprache sollen Schüler*innen lernen, Kritik in einer objektiven Form erläutern zu können und ihre Gefühle und Wünsche sachlich zu äußern. Nach der Einführung der Giraffensprache, kann man die Technik der „Begründeten Ich-Botschaften“ weiter gezielt einüben. Die Anleitung hilft den Schülern eine lösungsorientierte Gesprächsführung zu erlernen. Anhand des Fragebogens können die Schüler*innen ihr Kommunikations- und Konfliktverhalten eigenständig evaluieren und die notwendigen Schlüsse ziehen. Das Plakat, das im Klassenraum angebracht werden kann, dient als optische Erinnerungshilfe und Anregung für Schüler*innen, die gelernten Kommunikationsregeln anzuwenden.

 


PRAXISMATERIAL: Die Wahl haben (interaktive Aufstellübung)

Diese interaktive Übung soll den Schüler*innen verdeutlichen, dass Entscheidungen täglich getroffen werden müssen. Je nachdem, wie die Entscheidung ausfällt, können sich dadurch mehr oder weniger tragende Konsequenzen für eine Person ergeben. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine gemeinsame Meinungsfindung erschwert wird, je mehr Personen eine gemeinsame, auf demokratischen Prinzipien basierende Entscheidung treffen müssen. Hier soll den Schüler*innen verdeutlicht werden, dass an dieser Stelle oftmals auch Kompromisslösungen vonnöten sind, wenn kein Konsens erzielt werden kann. Die Positionierungsübung kann im Stehkreis durchgeführt werden. Wenn die Schüler*innen einer Aussage zustimmen, bewegen sie sich in die Mitte des Kreises. Wenn sie eine Aussage verneinen, bewegen sie sich weiter nach hinten. Die Aufstellung der Schüler*innen bietet der Lehrkraft unterschiedliche Diskussionsanlässe.





Vanessa Reinsch

Vanessa Reinsch studierte Sozialpädagogik und Evangelische Theologie für das Lehramt an der TU Dortmund. Sie arbeitet als Sozialpädagogin an einer luxemburgischen Sekundarschule und am Zentrum fir politesch Bildung.

Autor*in(nen):

Vanessa Reinsch (2019)

Titel:

Den Klassenrat einführen

Erschienen in Ausgabe:

2 / 2019 - Der Klassenrat, S. 15-19.

Stichwörter:
Arbeitsmaterialien
  • Rituale zur Steigerung der Konzentration
  • Gefühlskarten
  • Begründete Ich-Botschaften
  • Giraffensprache (Plakat)
  • Giraffensprache (Übung)
  • Die Wahl haben
  • Beteiligungsstrukturen an Schulen (Übung 1)
  • Beteiligungsstrukturen an Schulen (Übung 2)
Zitiervorschlag:
Vanessa Reinsch (2019) : Den Klassenrat einführen, in: mateneen 2 / 2019 - Der Klassenrat , S. 15-19. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-efd6-9e39