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Eigenverantwortlich lernen in Projekten

Das Lernen in Projekten bietet Schüler*innen wie kaum eine andere Unterrichtsform die Möglichkeit, an der Unterrichtsgestaltung selbstbestimmt zu partizipieren. Lernende üben sich dabei nicht nur in eigenverantwortlichem Handeln, sondern können auch selbst gesellschaftlich aktiv werden.

Die Projektmethode selbst geht auf den US-amerikanischen Pädagogen John Dewey zurück. Er ging bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts davon aus, dass handlungsorientierte, selbstbestimmte Lernprozesse, bei denen die Schüler*innen gesellschaftlich relevante Themen aus ihrer Lebenswelt bearbeiten, besonders nachhaltige Ergebnisse erzielen können. Heute gilt die Projektmethode als innovative und ideale Lernform für kooperatives, eigenverantwortliches Lernen, die ganzheitliche Bildung und gesellschaftliches Engagement gleichermaßen fördert.

Grundprinzipien der Projektmethode sind die Selbstorganisation und Produktorientierung. Schüler*innen formulieren und planen ihre Vorhaben eigenständig. Sie überlegen sich, wie sie ihre Anliegen oder Probleme lösen können, formulieren Zielsetzungen, sind arbeitsteilig tätig und überprüfen ihre Fortschritte regelmäßig in gemeinsamen Reflexionsgesprächen. Im Vergleich zum Lehrgangsunterricht ist das Projekt durch eine erhöhte Selbsttätigkeit der Lernenden und eine freie Wahl von Methoden, Medien und Arbeitsorganisation gekennzeichnet. Am Ende steht ein Produkt, das öffentlich präsentiert wird. Hierbei kann es sich beispielsweise um eine Ausstellung, ein Theaterstück, eine Publikation oder öffentliche Aktion handeln. Projektlernen kann dabei gleichermaßen im Fachunterricht oder als fächerübergreifendes Lernen stattfinden. Es kann als wissenschaftspropädeutisches Forschungsprojekt in der Oberstufe, in Projektwochen oder als demokratiepädagogisches Projekt im Rahmen einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft erfolgen, bei der die Schüler*innen sich eigeninitiativ für ein gesellschaftspolitisches oder soziales Anliegen engagieren. Letzteres bietet die Chance, Demokratie handelnd zu erleben und Selbstwirksamkeitserfahrungen in der Auseinandersetzung mit politischen Akteuren, Strukturen und Themenfeldern zu gewinnen.

Ablauf und Lehrerhandeln in Projekten

Allen Projektformaten liegt ein ähnlicher Ablauf zugrunde: Der Initiierungsphase folgt die Planung mit einer Präzisierung der Themenstellung, Zielsetzung, Methoden- und Arbeitsorganisation. Nach einer arbeitsteiligen und selbstorganisierten Umsetzungsphase werden die Ergebnisse öffentlich präsentiert und in einer Auswertungsphase Arbeitsprozesse und Projektverlauf reflektiert.

Auch Rolle und Aufgaben von Lehrpersonen verändern sich im Projektlernen. In dem Maße, wie Ergebnisse und Arbeitsformen offen gestaltet werden, müssen Lehrpersonen die selbstregulativen Lernwege der Schüler*innen prozessorientiert begleiten. Sie unterstützen die Lernenden in der Organisation ihrer Vorhaben, geben Strukturen vor und leiten zur Metareflexion an. Sie beobachten, geben Hilfestellung und bestärken die Schüler*innen.

Projektbeispiel

Eine niedrigschwellige Projektform, die sich am US-amerikanischen Modell „Aktive Bürger“ orientiert, ist das Projekt „Mach was“, bei dem Schüler*innen angeleitet werden, sich für Anliegen im sozialen Nahraum zu engagieren und durch ihre Initiativen gesellschaftliche Realität zu beeinflussen. Nach einer Initiierungsphase, in der Lernende soziale Probleme in ihrem Alltag dokumentieren, die sie stören und die sie verändern wollen, einigt sich die Lerngruppe auf eine oder mehrere konkrete Ideen zur Verbesserung ihres Lebensumfelds, die sie gemeinsam oder in einzelnen Projektgruppen angehen wollen. Zu den Vorschlägen konzipieren die Schüler*innen realistische Vorhaben, planen ihr Vorgehen und setzen die Ideen – soweit dies im zeitlichen und organisatorischen Rahmen der Schule möglich ist – um. Am Ende der Projektlaufzeit steht eine öffentliche Präsentation der Vorhaben in der Schulgemeinschaft oder Gemeinde. Auf diese Weise engagierten sich Schüler*innen einer luxemburgischen Schule im achten Jahrgang beispielsweise im Rahmen eines mehrwöchigen Projekts für eine neue Skater-Anlage in ihrem Dorf, setzten sich für Obdachlose ein oder sammelten Spenden für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Ganz nebenbei erwarben sie Kenntnisse zur Gemeindeordnung, diskutierten mit Bürgermeistern und Verwaltungsangestellten und übten sich darin, ihre Arbeitsprozesse eigenverantwortlich zu organisieren. Die Materialien zum Projektbeispiel stehen auf den Seiten von mateneen.eu zum Download zur Verfügung.


Projekt
„Aktive Bürger“


1. Probleme sammeln
2. Ein Projekt bestimmen, Planung
3. Informationen sammeln
4. Andere Lösungsansätze prüfen
5. Einen Lösungsweg entwickeln
6. Aktionsplan erstellen
7. Eine Ausstellung vorbereiten
8. Die Ausstellung präsentieren
9. Das Problem „anpacken“
10. Erfahrungen reflektieren

 


Checkliste
Projektlernen

Ziel

Stärkung des eigenverantwortlichen, handlungsorientierten Lernens.

Zielgruppe

Lerngruppe, Schulklasse oder Arbeitsgemeinschaft.

Dauer

Je nach Projektvorhaben drei Tage bis ein Schuljahr.

Vorgehen
  • Initiierungsphase: Anliegen formulieren und Ziele setzen.
  • Planungsphase: Vorhaben konkretisieren und Vorgehen organisieren.
  • Umsetzungsphase: Arbeitsteilige Durchführung des Projektvorhabens mit
  • regelmäßigen Plenumsphasen zur Reflexion des Projektfortschritts und
  • möglicher Schwierigkeiten.
  • Präsentationsphase: Öffentliche Vorstellung der erzielten Projektergebnisse.
  • Auswertungsphase: Reflexion des Projektverlaufs und der Lernprozesse.
Tipp

Lehrpersonen sollten darauf achten, durch regelmäßige Plenumsphasen die Schüler*innen zur Reflexion ihrer Zusammenarbeit und der Arbeitsformen anzuleiten.

 

 


Übersicht über die Materialien
  • Beobachtungsbogen: Arbeitsauftrag, der zum Sammeln von Projektideen anleitet
  • Ideen-Placemat: Anleitung zur Vorstellung und Diskussion von Projektideen und zur Entscheidung für zentrale Anliegen der Lerngruppe
  • Projektvorhaben planen und entwickeln: Fragebogen zur strukturierten Planung von Projektvorhaben
  • Projektauswertung: Anleitung zur Auswertung von Projekten und zur Reflexion der Lernprozesse





Prof. Dr. Matthias Busch

Politikwissenschaft, Universität Trier
Matthias Busch ist Professor für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften. Er lehrt und forscht u.a. zur Demokratiepädagogik, Europabildung und Geschichte der politischen Bildung.

Autor*in(nen):

Prof. Dr. Matthias Busch (2019)

Titel:

Eigenverantwortlich lernen in Projekten

Erschienen in Ausgabe:

3 / 2019 - Partizipation im Unterricht, S. 29-34.

Stichwörter:
Arbeitsmaterialien
  • Beobachtungsauftrag
  • Ideen-Placemat
  • Projektvorhaben planen und entwickeln
  • Projektauswertung
Zitiervorschlag:
Matthias Busch (2019) : Eigenverantwortlich lernen in Projekten, in: mateneen 3 / 2019 - Partizipation im Unterricht , S. 29-34. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-1d19-8136