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Es geht auch ohne Vertreter*innen – Just Community und Aushandlungsprozesse

Formen direkter Demokratie tragen über schulrechtlich verankerte Mitbestimmungsmöglichkeiten von Schüler*innen und Lehrer*innen hinaus dazu bei, eine unmittelbare Teilhabe an schulischen und gesellschaftlichen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen zu verwirklichen. Sie eröffnen Perspektiven, unabhängig von Mandat oder Funktion Schulkultur zu gestalten und Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Traditionelle Hierarchien in der Institution Schule können progressiv reflektiert und direkte Teilhabe als individuelle und institutionelle Entwicklungschance erfahren werden. Just Community und Aushandlungsprozesse sind inspirierende Bauformen, die Entwicklung der Schule insgesamt und gemeinsam direktdemokratisch zu gestalten sowie Empowerment zu fördern.
Just Community

Die Idee, Schule als eine Just Community (Gerechte Schulgemeinschaft) zu gestalten, hat Lawrence Kohlberg vor dem Hintergrund seiner moralpsychologischen Erkenntnisse entworfen. Die Bearbeitung und Bewältigung real erfahrener Konflikte in der Schule tragen dazu bei, das moralische Urteilsvermögen als Grundlage gemeinwohlorientierten Handelns aller Beteiligter in der Schule und in der Gesellschaft zu fördern. Just Community liegt eine pragmatische Lern- und Entwicklungsvorstellung zugrunde: Soziales Verstehen, demokratische Einstellungen und Verantwortungsbereitschaft können sich dann (weiter-)entfalten, wenn „entgegenkommende Lebensformen“ (Jürgen Habermas) in Schule verwirklicht und strukturell verankert werden. Just Community-Schulen orientieren sich an folgenden demokratiepädagogischen Kriterien1:

Partizipation und Inklusion:

Reale soziale, gesellschaftliche und politische Herausforderungen in der Schule stellen die Grundlage dar, um Urteilsbildung und Engagement zu fördern. An den Diskursen können sich alle an Schule Beteiligten einbringen, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden sowie Zukunftsperspektiven für sich, die Schule und das gesellschaftliche Zusammenleben zu entwickeln.

Deliberation und Transparenz:

Just Community hat den Anspruch, dass Auseinandersetzungen in der Schule diskursethischen Vorstellungen entsprechen. Verhandlungen sind getragen von der gemeinsam geteilten Bereitschaft, von den Argumenten der Anderen zu lernen und insbesondere manifeste wie latente Machtverhältnisse zu erkennen, zu thematisieren, zu reflektieren.

Legitimität:

Die diskursive Schulgemeinschaft entscheidet, was diskutiert, was in Abstimmungsverfahren beschlossen und wie Entscheidungen umgesetzt werden. Just Community lebt auch davon, bildungspolitische und schulrechtliche Voraussetzungen zu thematisieren und zu reflektieren – um „unsere“ Schule als Lern- und Lebensort zu entwerfen.

Effizienz:

Das diskutierte, begründete und beschlossene Urteil wird umgesetzt und überprüft. Just Community ermöglicht den Beteiligten die Erfahrung, dass sie Schulkultur auf der Grundlage legitimierter Verfahren und basisdemokratisch beschlossener Entscheidungen (Legislative) verändern können. Ergebnisse müssen exekutiv umgesetzt werden, um Selbstwirksamkeit zu verwirklichen.

Wie können diese Prinzipien umgesetzt werden? Damit alle Beteiligten teilhaben können, gibt es in Just Community- Schulen regelmäßige „Gemeinschaftsversammlungen“. Die Versammlungen sind u.a. durch eine gemeinsam entwickelte Tagesordnung strukturiert. Themen, Anliegen werden durch Anträge eingebracht. Damit Gemeinschaftsversammlungen konstruktiv und effizient stattfinden können, werden sie von einer wechselnden Vorbereitungsgruppe geplant und organisiert. Die Vorbereitungsgruppe sammelt Themen und Anträge, die u.a. im Klassenrat formuliert worden sind und für die Gestaltung der Schulkultur insgesamt relevant sind. Wenn ein Antrag eingereicht wurde, wird dieser in der Versammlung diskutiert und abgestimmt. Jedes Mitglied der Schulgesellschaft hat die Möglichkeit, seine Stimme abzugeben und teilzuhaben – Kinder, Jugendliche und Erwachsene tragen gleichberechtigt dazu bei, Versammlungen zu gestalten. Entscheidungen werden in einem Beschluss festgehalten, um Vertrauen und Verlässlichkeit zu fördern. Gemeinschaftsversammlungen finden während der Schulzeit statt und sind bestenfalls ein fester Bestandteil des Stundenplans.2

Aushandlungsprozesse

Das Instrument der Aushandlungsprozesse ist im Rahmen des in Deutschland von 2002-2007 stattgefundenen Programms „Demokratie lernen und leben“ entwickelt und erfolgreich erprobt worden. Die direktdemokratische Idee besteht darin, dass alle Akteur*innen – Schüler*innen, Pädagog*innen, Erziehungsberechtigte, nichtpädagogische Mitarbeiter*innen, Kooperationspartner* innen – in Schulentwicklungsprozessen partizipativ eingebunden werden. Fragestellungen, Anliegen und Herausforderungen werden gesammelt, Verbesserungsvorschläge, Lösungsstrategien und Maßnahmen entwickelt. Ein wesentliches Prinzip ist, dass Entscheidungen im Konsens getroffen werden. Angesichts dieser Herausforderung ist die Unterstützung externer Moderator*innen mindestens zu Beginn des Prozesses notwendig. Ein strukturiertes Verfahren trägt dazu bei, die Qualität und Akzeptanz getroffener Maßnahmen und Entscheidungen zu fördern und zu sichern, um Zukunft gemeinsam gestalten zu können: Interessens- und Anspruchsgruppen formulieren Vorschläge, die sie in Aushandlungsgruppen einbringen. Die Aushandlungsgruppen arbeiten regelmäßig und in einem längeren Zeitraum zusammen.3

 


Checkliste
Just Community

Ziel

Eine gerechte Schulgemeinschaft, in der sich alle Mitglieder aktiv beteiligen, mitbestimmen und Verantwortung übernehmen und dadurch moralisches, ethisches und demokratisches Denken erfahrungsbasiert lernen.

Zielgruppe

Alle Mitglieder einer Schulgemeinschaft: Schüler*innen, Eltern, Lehrpersonen Schulleitung, Hausmeister*in etc.

Dauer

Fortwährend

Vorgehen
  • Möglichkeiten der schrittweisen Umsetzung des Just-Community-Konzepts klären
  • Beteiligungsmöglichkeiten an der Schule schaffen
  • Eine Vorbereitungsgruppe zur Planung von regelmäßigenGemeinschaftsversammlungen gründen
  • Themen sammeln, die die Schulgemeinschaft betreffen
  • Schüler*innen über Priorität der Themen abstimmen lassen und Tagesordnung festlegen
  • Gemeinschaftsversammlung organisieren und durchführen
  • Gemeinschaftsversammlung evaluieren und gefasste Beschlüsse umsetzen
Tipp

Auch andere Formen der Beteiligung (z.B. Klassenrat), Methoden zur Entscheidungsfindung (Aushandlungsrunden) und Moralentwicklung (Dilemma-Diskussionen) lassen sich gut in das Konzept der Just Community integrieren.


Im von Wolfgang Edelstein, Susanne Frank und Anne Sliwka herausgegebenen Praxisbuch Demokratiepädagogik sind „Arbeitsblätter“ veröffentlicht, die zum Gelingen der „Vorbereitungsgruppen“ und der Organisation von „Gemeinschaftsversammlungen“ beitragen können.

 


Checkliste
Aushandlungsprozesse

Ziel

„Bei der demokratischen Entwicklung durch Aushandlungsprozesse geht es darum, dass alle (Erwachsene wie Kinder und Jugendliche) über Dialog und gemeinsame Aktivität dazu lernen und sich entwickeln können. Dies schließt die Selbstreflexion sowie das Hinterfragen bisheriger Strukturen und Machtverhältnisse mit ein“ (Dorothea Schütze, Initiatorin der Aushandlungsprozesse im Rahmen des Programms „Demokratie lernen und leben“).

Zielgruppe

Alle Mitglieder der Schulgesellschaft: Schüler*innen, Pädagog*innen, Erziehungsberechtigte, nichtpädagogische Mitarbeiter*innen, Kooperationspartner*innen

Dauer

Fortwährend und regelmäßig

Vorgehen
Phase I:
  • Bildung von „Interessens- und Anspruchsgruppen“ (Schüler*innen, Eltern etc.)
  • Formulierung von Regelvorschlägen für die eigene Gruppe
  • Sammlung positiver Erfahrungen und Gelingensbedingungen für die Weiterentwicklung und die Zusammenarbeit mit den anderen Gruppen
  • Problemanalyse: Sammlung von Wünschen an die anderen Gruppen als Schwerpunkte der Schulentwicklung
Phase II:
  • Bildung der Aushandlungsrunde: Insgesamt können 30-40 Personen der Schulgesellschaft teilnehmen, um eine Arbeitsfähigkeit zu gewährleisten
  • Die Teilnahme ist grundsätzlich freiwillig und muss in keinem Zusammenhang stehen mit Ämtern in bereits
    existierenden Gremien
  • Einbindung von gruppendynamischen Spielen und Übungen, durch die die Beteiligten sich näher kennenlernen
  • Vorbereitung auf konsensorientierte Entscheidungsfindungen, u.a. durch Übungen aus dem Betzavta-Konzept
    oder dem Ansatz des Systemischen Konsensualisierens
  • Arbeit in interessenübergreifenden Themengruppen, die Vorschläge und Maßnahmen zur Lösung eines beschriebenen Problems entwickeln
  • Präsentation der Vorschläge und Maßnahmen im Plenum: Alle Anwesenden werden um eine wertschätzende Rückmeldung gebeten
  • Überprüfung des Grads der Zustimmung und Überarbeitungsphasen der Vorschläge Entscheidungen finden im Konsens statt
Tipp

Aushandlungsprozesse und Aushandlungsrunden sollten zumindest zu Beginn von externen Moderator*innen begleitet werden. Auf der Homepage des Instituts für Demokratie und Entwicklung sind die Materialien zur Durchführung von Aushandlungsprozessen und Aushandlungsrunden erhältlich: https://ide-berlin.org/praxisbaukasten/start.html

 


1 vgl. DeGeDe: ABC der Demokratiepädagogik, Berlin/ Jena 2017.
2 vgl. Wolfgang Althof/Tonie Stadelmann: Demokratische Schulgemeinschaft, in: Wolfgang Edelstein/Susanne
Frank/Anne Sliwka (Hrsg.): Praxisbuch Demokratiepädagogik, Bonn 2009, 20-53.
3 vgl. Dorothea Schütze: Aushandlungsprozesse als Instrument Demokratischer Schulentwicklung, in: RRA Brandenburg: Demokratische Schulentwicklung begleiten, Potsdam 2012, 34-43. Online unter: https://raa-brandenburg.de/Portals/4/media/UserDocs/DEINS_Abschlussbericht_RAA.pdf (zuletzt abgerufen am 9.6.2020)





Svenja Hackethal

Svenja Hackethal ist studentische Mitarbeiterin bei der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (www.degede.de) und als Projektmanagerin Teil des Projekts Creative Democracy. Sie hat einen Bachelor in Psychologie mit Schwerpunkt Pädagogik und studiert derzeit im Zweitstudium Gender Studies.



Christian Welniak

Christian Welniak, Dipl.-Päd, ist Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik. Er leitet das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt Creative Democracy (www.creative-democracy.de) und ist Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg.

Autor*in(nen):

Svenja Hackethal / Christian Welniak (2020)

Titel:

Es geht auch ohne Vertreter*innen – Just Community und Aushandlungsprozesse

Erschienen in Ausgabe:

05 / 2020 - Schülervertretung, S. 31-34.

Stichwörter:
Arbeitsmaterialien
  • Just Community: Organisation der Versammlungen
  • Just Community: Was die Vorbereitungsgruppe tun sollte
Zitiervorschlag:
Svenja Hackethal / Christian Welniak (2020) : Es geht auch ohne Vertreter*innen – Just Community und Aushandlungsprozesse, in: mateneen 05 / 2020 - Schülervertretung , S. 31-34. Online unter: https://seafile.rlp.net/f/2558522ff80f4ba7894b/?dl=1