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Klassensprecher*innen auf ihre Aufgaben vorbereiten

Die Ausbildung von Klassensprecher*innen ist unerlässlich, wenn wir eine kohärente, sinnvolle und legitime Schülerbeteiligung erreichen wollen. Dabei sind zwei Ebenen zu berücksichtigen: Die erste ist technischer Natur und konzentriert sich auf Handlungs- und Reflexionstools. Die zweite Ebene bezieht sich auf das Zwischenmenschliche, also auf die Beziehung, die Jugendliche zu anderen haben. Dementsprechend haben die Ausbildungskurse der Association Jeune et Citoyen in Belgien eine dreifache Ausrichtung, nämlich eine institutionelle, eine erzieherische und eine pädagogische.
Alle Akteure sensibilisieren

Das Amt des Klassensprechers leidet an belgischen Schulen oft unter mangelnder Anerkennung. Es führt oft nur ein Schattendasein im Schulleben, weshalb die Rolle des Klassensprechers als wenig legitim angesehen wird, auch weil der Pädagogik alles untergeordnet wird. Damit Klassensprecher* innen der Platz zukommt, der ihnen zusteht, und sie ihrer Aufgabe gerecht werden können, ist es von grundlegender Bedeutung, die Gesamtheit der Akteure einer Schule für diese Rolle zu sensibilisieren und die unmittelbaren Akteure in Sachen schulischer Teilhabe auszubilden. Einerseits müssen die Lehrer*innen die Rolle der Schüler*innen als Vertreter*innen der Klasse und nicht nur als Einzelperson anerkennen. Andererseits sollten die Schüler*innen in der Lage sein, mit der Person, die sie vertritt, zu interagieren, ihr zuzuhören, mit ihr zu diskutieren und sich gegenseitig zu beraten.

Der Delegiertenrat: Ein Raum für Bildung, Reflexion und Aktion

Im wallonischen Belgien hat jede Schule mindestens einen Delegiertenrat. In ihm sind entweder alle Klassensprecher*innen der Schule oder eines Jahrgangs versammelt. Je größer die Schule, desto mehr Räte gibt es. In diesem Rahmen lernen die Klassendelegierten, ihre Klasse zu vertreten und in ihrem Namen zu sprechen. Es ist auch der Ort, an dem sich Handeln konkretisiert: Es gilt, die Ergebnisse der Klassenkonsultation zu analysieren, über die Umsetzung von Projekten nachzudenken, sich mit Erwachsenen zu beraten usw. Alles eine Reihe von Aufgaben, auf die junge Menschen vorbereitet werden müssen.

Die Rolle des Klassensprechers: seine Stärken kennen und sie in den Dienst der Gemeinschaft stellen

Wenn wir den Delegierten gegenüberstehen, sind die ersten Fragen, die wir ihnen stellen: Was ist deine Aufgabe? Worin unterscheidet sich ein*e Klassensprecher* in von einem anderen Schüler oder einer anderen Schülerin? Was wirst du konkret tun? Bist du gewählt oder bestimmt worden?

Diese erste Phase ist von erheblicher Bedeutung, weil die Jugendlichen nunmehr ihre Wahl innerlich annehmen müssen. Das geschieht, indem sie sich ihrer neuen Rolle und deren Besonderheiten sowie den Umständen ihrer Wahl und der notwendigen Kompetenzen, die von ihnen abverlangt werden, bewusstwerden. Um dieses Ziel zu erreichen, setzen wir zu Beginn der Ausbildung zwei Instrumente ein: Was machen wir mit dir? & Jedem seine eigene Rolle. Wir bitten oft Erwachsene, die diesen Prozess unterstützend begleiten, die Ergebnisse dieser Arbeit in der Klasse sichtbar zu machen, damit alle Schüler*innen eine gemeinsame Vorstellung von der Rolle der einzelnen Personen haben.

In der Klasse bietet sich zur Vorbereitung des Wahlkampfs die Aktivität Zeig dich an, weil man damit an der Botschaft arbeiten kann, die die Kandidat*innen mithilfe ihres Wahlplakates vermitteln wollen. Spricht es an? Hebt es die Qualitäten der Person hervor? Sind die Informationen nützlich? Es ist ebenfalls wichtig, mit jungen Menschen über das gewählte Wahlverfahren nachzudenken. Immer häufiger bringen wir in unserem Weiterbildungskoffer verschiedene Modelle für geheime Wahlen mit. Die Wahl ohne Kandidat*in ist ein hervorragendes Mittel, um alle jungen Menschen dazu zu bringen, über sich selbst nachzudenken. Es bietet auch den weniger Mutigen die Chance, gewählt zu werden.

Versammlungen: rund um den Beratungstisch

Versammlungen sind entscheidende Momente auf dem Weg eines Klassensprechers. Schlecht durchgeführt oder wenig produktiv, sind sie eine Quelle der Demotivierung für Jugendliche und Erwachsene.

Wir unterscheiden drei Arten von Versammlungen: der Klassenrat, der Rat der Klassensprecher*innen und der Beteiligungsrat.

Jedes dieser Foren hat seine eigenen Besonderheiten: das erste legt den Schwerpunkt auf den Austausch zwischen den Klassensprecher*innen und ihren Mitschüler*innen; das zweite bietet ein gemeinsames Forum mit den Erwachsenen, die diesen Prozess unterstützend begleiten (sowie bisweilen mit Mitgliedern der Schulleitung); das dritte bietet einen um externe Mitglieder (Eltern, außerschulische Akteure…) erweiterten Raum, der sich mit institutionellen Fragen befasst (Konten, pädagogische Programme, Schulentwicklungsplan…).

Wenn wir die Schüler*innen für den Klassenrat ausbilden, konzentrieren wir uns vor allem auf Kompetenzen im Zusammenhang mit der Dynamik einer Gruppe, der Peer- Beratung und der Auswahl von Projekten. Nachbesprechungen konzentrieren sich z.B. auf die Effizienz der Sitzung, die Atmosphäre im Klassenzimmer, das Recht zu sprechen.

Für den Rat der Klassensprecher*innen schulen wir die Fähigkeit der Delegierten, im Namen der Schüler*innen zu sprechen: Dazu gehören die Fähigkeiten, Sachverhalte zusammenzufassen, aktiv zuzuhören und die Kreativität, ein gemeinsames Projekt zu entwerfen.

Für die Versammlungen des Beteiligungsrates geht es darum, den Delegierten insbesondere mit Hilfe des Instruments „Organigramm“ ein Verständnis für die institutionellen Rahmenbedingungen zu vermitteln sowie die Fähigkeit, die Standpunkte und Fragen der verschiedenen Parteien zu verstehen.

Im Allgemeinen helfen wir den Jugendlichen, einen systemischen Blick auf Sitzungen zu werfen. Das Tool Die schlimmste Versammlung hilft ihnen die Regeln aufzustellen, die in Sitzungen eingehalten werden müssen. Daraus geht ein Regelkatalog hervor, der als Bezugsrahmen dient, um wiederholte Abwesenheiten, nicht eingehaltene Pflichten, die Gruppendynamik usw. zu vermerken. Wir konzentrieren uns auch auf den eher technischen Aspekt des Treffens: die Tagesordnung, das Verfassen und die Weitergabe des Sitzungsprotokolls, die Moderation, die Rollenbeschreibungen usw.

Das Projekt: Gemeinsame Überlegungen im Dienste eines gemeinsamen Projekts

Auch wenn die Schülervertretung ein Projekt an sich darstellt, finden viele Projekte, die idealerweise von den jungen Menschen selbst ausgehen und ihre Anliegen widerspiegeln sollen, darin ihren Ursprung. Damit Projektideen über die Formulierung eines Anliegens hinausgehen, lenken wir die Aufmerksamkeit der Schüler*innen auf die Bedürfnisse, die im Zusammenhang mit ihrem Wohlergehen in der Schule stehen – immer im Blick, wie viel Zeit und Energie sie bereit sind, dafür aufzuwenden. In diesem Zusammenhang ist das Tool DESC von Interesse, weil es hilft, Problemsituationen zu analysieren, um dementsprechende Projekte und die damit verbundenen Resultate zu planen. Und damit aus einer Idee ein Projekt wird, sagen wir ihnen, dass es APRNK (Annehmbar – Prioritär – Realistisch – Nützlich für die Gemeinschaft – Konkret) sein muss.

Die Reflexion über das Projekt, seine Auswirkungen auf das Schulleben und die Lernprozesse, die es ermöglicht, bleiben die grundlegende Herausforderung für eine Schülervertretung.

Die Kommunikation: Dinge sichtbar machen für eine gemeinsame Vision

Die Schülervertretung leidet oft unter einem Mangel an Sichtbarkeit und/ oder Kommunikationsfluss zwischen den verschiedenen Schulöffentlichkeiten. Schüler-*innen, die selber nicht gewählt wurden, sprechen oft über einen Ältestenrat und bezeugen, dass sie nicht wissen, was dort geschieht. Die Klassendelegierten klagen ihrerseits über mangelnde Information oder Rückmeldungen seitens der Erwachsenen.

In der Ausbildung erstellen wir zusammen mit den Jugendlichen eine Überblicksliste der verschiedenen Kommunikationskanäle, die für die Nutzung in ihrer Schule interessant sein könnten. Dann ordnen wir sie nach dem Zielpublikum und der zu vermittelnden Botschaft. Zum Beispiel wird „Messenger“ oft für die Kommunikation zwischen Schülervertreter*innen und als mittelbarer Kommunikationskanal für alle Schüler*innen genutzt.

Ganz gewiss sollte man nicht zögern, eine Vielfalt an Kommunikationskanälen zu verwenden, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, ohne sich dabei aber zu sehr zu verzetteln.

Die Evaluierung: eine Zeit des Rückblicks auf die Aktion

Durch eine Evaluierung perfektionieren wir das Erreichte und vermeiden, Fehler erneut zu machen. Über die verschiedenen Zwischenevaluierungen (der Schülervertretung oder der Projekte) hinaus ist die Evaluierung am Ende des Jahres die letzte Projektphase, die nicht übersehen werden sollte: Was hat in diesem Jahr in der Klassenvertretung gut funktioniert? Was möchtet ihr beibehalten? Was würdet ihr nicht mehr so machen? Der Bewertungsbogen ist eins der einfachsten und wirksamsten Instrumente, die wir im Training einsetzen, um einen reflexiven Blick auf die Schülervertretung und die daraus resultierenden Erfahrungen zu werfen.

Beispiel eines Regelkatalogs für das Zusammenleben in einer wallonischen Klasse
Die Beziehungsebene: das Zusammenleben & die Gruppendynamik

Zusammenleben ist etwas, was man lernen kann! Ein Jeder kommt mit seinen eigenen Werten und seiner eigenen Geschichte und man muss lernen, in dieser vielfältigen Welt zu leben. Hier deuten sich die erzieherischen Wege an, die zu Autonomie und Verantwortung führen. In der Tat, wenn die Regeln des Zusammenlebens gemeinsam erstellt werden, ruhen diese nicht alleine auf den Schultern des Lehrpersonals und es entsteht eine Selbstregulierung der Gruppe. Aus diesem Grund ist es wichtig, von Beginn des Jahres an, in Absprache mit allen Schüler*innen und/oder Klassensprecher* innen die Regeln festzulegen, die das Leben der Gruppe bestimmen werden. Ein Katalog an Regeln, die das Zusammenleben betreffen, zusätzlich zu den Verfahrensregeln, kann gefühlsmäßig vorteilhaft für die Durchführung von Versammlungen und kollektiver Arbeit sein. Eine unserer erfolgreichsten Animationen in diesem Bereich ist Lasst uns die Aufgaben untereinander aufteilen. Sie erlaubt es, einige wichtige Aspekte hervorzuheben für das Agieren in der Gruppe, sei es in Bezug auf Rollen oder Beziehungen innerhalb der Gruppe.

Dieses Tool bietet sich als erste Aktivität eines Klassensprecherrates an: Es hilft, erste Kontakte zu knüpfen, das Funktionieren eines jeden Einzelnen zu analysieren und in gegenseitigem Einvernehmen Regeln aufzustellen.

Fazit

Es gibt heute eine gewisse Unruhe anstelle von konzertiertem und überlegtem Handeln. Schulen, die ihren Schüler*innen die Möglichkeit geben, vollwertige Akteure in ihrer Schule und ihres Lernprozesses zu sein, erweisen ihnen einen wahren Dienst: Den jungen Menschen wird bewusst, dass sie Kompetenzen entwickeln, die ihnen während ihrer gesamten Schulzeit und im Erwachsenenleben zugutekommen werden. Daher wäre eine Schulung zur Schülervertretung für alle Schüler*innen einer Schule und nicht nur für die Schülervertreter*innen von großem Nutzen.

 


Kontakt

info@jeuneetcitoyen.be

Bureau central à Bruxelles : 19 rue du Marteau – 1000 Bruxelles 0032 22180559

Bureau à Namur : 13 place de l’Ilon – 5000 Namur 0032 281231131





Fatima Amkouy

Fatima Amkouy ist seit 2016 Generalsekretärin der gemeinnützigen Organisation Jeune Et Citoyen, nachdem sie zuvor sechs Jahre lang als delegierte pädagogische Weiterbildnerin tätig war. Als ehemalige Lehrerin engagiert sie sich leidenschaftlich für politische Bildung und setzt sich in zahlreichen Projekten für den Ausgleich zwischen dem Dasein des Einzelnen und dem Handeln für das Gemeinwohl ein.

Autor*in(nen):

Fatima Amkouy (2020)

Titel:

Klassensprecher*innen auf ihre Aufgaben vorbereiten

Erschienen in Ausgabe:

05 / 2020 - Schülervertretung, S. 19-22.

Stichwörter:
Arbeitsmaterialien
  • Was machen wir nur mit dir?
  • Rollenverteilung
  • Stell dich vor!
  • Die Wahl ohne Kandidat*in
  • Die schlimmste Versammlung
  • D.E.S.C
  • APRNK
  • Projektauswertung
  • Aufgabenteilung
Zitiervorschlag:
Fatima Amkouy (2020) : Klassensprecher*innen auf ihre Aufgaben vorbereiten, in: mateneen 05 / 2020 - Schülervertretung , S. 19-22. Online unter: https://seafile.rlp.net/f/16246fc234db43b7a822/?dl=1