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„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“?: Zum Umgang mit Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen in Schule und Unterricht

Sie haben eine spannende politische Diskussion in der Klasse. Das Gros Ihrer Schüler*innen ist wach, interessiert und engagiert. Alles läuft prima. Doch dann passiert’s: Einer oder eine von ihnen stellt – absichtlich oder unreflektiert – eine extremistische oder verschwörungstheoretische Aussage in den Raum. Und nun?
Demokratisch streiten lernen – Resilienz gegenüber Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen entwickeln

Die Fähigkeit, demokratisch zu streiten, ist ein zentrales Ziel von Demokratiebildung. Aufrichtig zu argumentieren, für demokratische Grundwerte einzustehen, aber auch zuzuhören, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und dessen Beweggründe nachzuvollziehen, sind wesentliche Voraussetzungen. Es sind zugleich Ressourcen, um nicht von extremistischen und verschwörungstheoretischen Einstellungen vereinnahmt zu werden. Schüler*innen den Erwerb dieser Kompetenzen zu ermöglichen, ist daher ein wesentliches Ziel schulischer Bildung. Lehrpersonen stehen dabei in der Verantwortung, Debatten und persönliche Urteilsbildung zu ermöglichen, Kontroversen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft sichtbar zu machen und dabei für demokratische Grundsätze, Verfassungswerte und Menschenrechte zu sensibilisieren (vgl. hierzu auch den Beutelsbacher Konsens). Das ist anspruchsvoll, erfordert Zeit und muss mit den Lernenden sukzessive geübt und reflektiert werden.

Idealerweise werden gemeinsame Zielvorstellungen für eine gute Streit- und Debattenkultur gemeinsam mit den Schüler*innen entwickelt. Ohne diesem Prozess vorweggreifen zu wollen, haben wir ein Infosheet mit ersten Hinweisen zusammengestellt, wie geeignete Klassenregeln aussehen können (Anregungen für eine demokratische Streit- und Debattenkultur).

Grenzen und Herausforderungen demokratischer Diskurse

Extremismus und Verschwörungstheorien stellen demokratische Grundsätze infrage. Sie gehen häufig mit absoluten Wahrheitsansprüchen einher, stellen demokratische Institutionen und die Gleichwertigkeit von Anschauungen und zum Teil selbst die Gleichwertigkeit von Menschen infrage. Wo sie Raum greifen, sind konstruktive, demokratische Diskurse kaum mehr möglich. Lehrpersonen dürfen sich entsprechenden Äußerungen gegenüber nicht „neutral“ verhalten. Sie haben die Pflicht, für Demokratie, ihre Prinzipien und Werte einzutreten und Schüler*innen in ihren Kompetenzen als mündige Demokrat* innen zu stärken. Wie also mit Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen in der Klasse umgehen?

Verschwörungstheorien

Bei Verschwörungstheorien liegt die Herausforderung im Unterricht, die innere Logik und Argumentation aufzuarbeiten, wenn z. B. der Pharmaindustrie oder großen international agierenden Konzernen verschwörerische Kontroll- oder Schadensabsichten unterstellt werden („Ich lasse mich nicht impfen, weil die Pharmaindustrie nur Geld verdienen will“). Die Strategie liegt in der Thematisierung von Verschwörungstheorien demnach dann eher darin, zu versuchen, Argumentationsmuster, Denkfehler oder logische Fehler ausfindig und transparent zu machen.

Ein Analyseraster für Argumente und Argumentationen kann die Beurteilung unterstützen. Es exemplarisch auf einzelne Beispiele anzuwenden, kann die Wahrnehmung der Schüler*innen schärfen.

Extremismus

Fallen Sätze wie „Die [Angehörigen einer beliebigen Gruppe] sind alle kriminell“ oder „Die gehören nicht hierher“, besteht die Herausforderung darin, weniger (als bei Verschwörungstheorien) über Argumentationsweisen zu reden, sondern eher über die individuellen Werte, die diese Aussagen motiviert haben. Warum sollten Gleichheitsgrundsätze, Freiheit und Menschenrechte für andere Menschen nicht oder weniger gelten? Die Strategie besteht hier dann eher in einer pädagogischen Intervention, die ethische Motive kritisch analysieren und selbst reflektieren lassen muss bzw. dazu anleitet.

Im Materialangebot befinden sich eine Anleitung für eine Positionslinie, um in der Klasse darüber ins Gespräch zu kommen, ob eine Aussage als gemäßigt, radikal oder extrem wahrgenommen wird, und Tipps zum Umgang mit extremen Aussagen und Parolen in persönlichen Gesprächen.

 


CHECKLISTE

Umgang mit Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen in Schule und Unterricht
Ziele
  • Demokratische Diskurse trainieren
  • Verschwörungstheorien und extremistische Aussagen entkräften
Zielgruppe

Schüler*innen aller Altersklassen

Dauer

Ideal sind regelmäßige Übungsgelegenheiten (z. B. 20 Minuten pro Unterrichtssequenz), die hin und wieder mit speziellen Unterrichtseinheiten, Projekttagen oder Activités parascolaires rund ums Debattieren sowie der politischen Bildung im Kontext von Grundwerten, Verschwörungstheorien und Extremismus kombiniert werden.

Vorbereitung
  • Zielvorstellungen für eine gute Streit- und Debattenkultur entwickeln
  • Debattieren üben
  • Argumente analysieren
  • (Verfassung-) Werte und (Menschen-) Rechte thematisieren
Tipp

Nicht immer macht es in Lernkontexten Sinn, eine angeregte Debatte gleich rigoros zu unterbrechen, wenn kritische Momente auftreten (z. B. Behauptungen, die sich nicht sofort überprüfen lassen, oder Aussagen, die in Beteiligten Unbehagen auslösen, für die sie aber nicht sofort die richtigen Worte finden). Um die Partizipationsbereitschaft der Lernenden nicht zu hemmen und eine inhaltliche Vertiefung zu ermöglichen, bietet es sich manchmal vielmehr an, diese kritischen Momente im Nachgang noch einmal aufzugreifen und einer vertiefenden Betrachtung zu unterziehen. Ein simpler Merkzettel kann Lernende und Lehrkräfte dabei unterstützen.

 


Überblick über die Materialien

  • Anregungen für eine demokratische Streit- und Debattenkultur
  • Analyseraster für Argumente und Argumentationen
  • Tipps zum Umgang mit extremen Aussagen und Parolen
  • Gemäßigt – radikal – extrem: eine Positionslinie

 


Praxisbeispiel

verfasst von Tania Matias, www.s-team.lu

Aktion im Rahmen des 16. Mai, Internationaler Tag des friedlichen Zusammenlebens: eine „S-Team-Bank“ auf dem Schulhof
Projekt S-Team: Setz dech an!: Jugendliche engagieren sich für ein besseres Zusammenleben

S-Team: Setz dech an! ist ein Projekt, das Kinder und Jugendliche in der Konflikt- und Gewaltprävention Verantwortung übertragen soll. Sie nehmen an einer Ausbildung teil und werden dazu angeregt, in der Maison Relais oder der Grund- respektive Sekundarschule zu beobachten, zu reflektieren und Aktionen zu organisieren, die andere Kinder und Jugendliche für die negativen Auswirkungen von Gewalt in ihrem Alltag sensibilisieren.

Indem die Mitglieder des S-Team Konflikt- und Gewaltsituationen sowie deren Auswirkungen auf sie selbst und ihre Peers beobachten und analysieren, entwickeln sie kognitive, emotionale, zwischenmenschliche sowie soziale Kompetenzen. Diese sind notwendig, um positive Beziehungen zu anderen aufzubauen und Konflikte friedlich zu lösen. Sie bilden auch die Grundlage für den Aufbau von Zivilcourage. Einrichtungen, die am Projekt teilnehmen, benennen Fachkräfte, um die Jugendlichen bei der Durchführung ihrer Aktionen zu begleiten und unterstützen.

 


Praxisbeispiel

verfasst von Silke Borchert, www.du-und-ich-begegnungspunkt.de

Konflikte erzählen mit dem Kamishibai-Theater

Das Kamishibai-Erzähltheater ist ein kleiner Holzrahmen mit zwei Flügeltüren, die sich langsam öffnen. Dazu gibt es wechselnde Bildkarten und eine spannende Erzählung. Seinen Ursprung hat das Kamishibai in Japan. Es bietet den Kindern eine Kombination aus Seh- und Hörerfahrung und hat den großen Vorteil, dass die vortragende Person zu jeder Zeit Blickkontakt mit dem Publikum hält und das Sprechtempo seinen Bedürfnissen anpassen kann. Durch die vielen Mitmach- und Nachdenkchancen wird das Kamishibai gerne im pädagogischen Bereich, u. a. in Kitas und Schulen eingesetzt. Zum Thema „Konflikte“ gibt es zwei wunderbare Tiergeschichten für Kinder im Alter von 3-8 Jahren. Wieder beste Freunde handelt von der wohltuenden Kraft der Versöhnung und So war das! Nein so! bietet eine spielerische Wertevermittlung. Durch die mit Geschichten erlebten Gefühle finden die Kinder leichter zum eigenen Ich und können selbst Konfliktstrategien für sich entwickeln. Zudem können Kinder und Jugendliche auch eigene Bildgeschichten präsentieren oder Konfliktsituationen mit Hilfe des Kamishibai-Theaters weiterführen und lösen.





Michell W. Dittgen

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich „Didaktik der Gesellschaftswissenschaften“ der Universität Trier. Demokratiebildung und demokratische Schulentwicklung gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten.



Oliver Drewes

ist Politikwissenschaftler am Trierer Institut für Demokratie- und Parteienforschung. Er lehrt und forscht insbesondere zu Verschwörungstheorien und Extremismus.

Autor*in(nen):

Michell W. Dittgen / Oliver Drewes (2023)

Titel:

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“?: Zum Umgang mit Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen in Schule und Unterricht

Erschienen in Ausgabe:

8 / 2023 - Konflikte bearbeiten, S. 22-26.

Stichwörter:
Arbeitsmaterialien
  • Anregungen für eine demokratische Streit- und Debattenkultur
  • Analyseraster für Argumente und Argumentationen
  • Tipps zum Umgang mit extremen Aussagen und Parolen
  • Gemäßigt – radikal – extrem: eine Positionslinie
Zitiervorschlag:
Michell W. Dittgen / Oliver Drewes (2023) : „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“?: Zum Umgang mit Verschwörungstheorien und extremistischen Aussagen in Schule und Unterricht, in: mateneen 8 / 2023 - Konflikte bearbeiten , S. 22-26. Online unter: https://doi.org/10.25353/ubtr-made-4c12-1664